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Johannes (Hans) Seibert
Bischof

 

Personalien

  • Geboren: 28.10.1904 in Lauterbach
  • Gestorben: 20.02.1994 in Gießen

Ordinationen

  • 2927 Diakon
  • 1929 Priester
  • 03.04.1931 Evangelist
  • 23.10.1932 Bezirksälteste
  • 05.08.1951 Bischof

Amtsbeendigung

  • 12.08.1973: Ruhesetzung durch Bezirksapostel Rockenfelder

Arbeitsbereich

  • 23.10.1932 -  12.08.1973 Bezirk  Gießen
  • 01.03.1953 - 01.07.1953 Bezirk Siegen

Aus seinem Leben

Aus den liebevoll und erkenntnisreich niedergeschriebenen Lebenserinnerungen des Bischofs Johannes (Hans) Seibert entnehmen wir folgendes:

„Mein Eintritt in das diesseitige Bereich – Erde genannt - ist verbürgt durch amtliche Urkunden, die da bezeugen, daß ich: Johannes Seibert, geboren bin am 28. Oktober 1904, morgens um 6.00 Uhr zu Lauterbach/Hessen, getauft in der evangelischen Kirche zu Lauterbach/Hessen am 4. Dezember 1904 - Taufregister-Nr. 104 - Jahr Christi 1904 als 3.Kind und 3. Sohn des Schreinermeisters Johannes Seibert und seiner Ehefrau Elisabeth, geborene Flach.
Wenn der Herr über Leben und Tod Gnadenfrist gibt, werde ich in diesem Jahr (1984) meinen 80. Geburtstag erleben. Ein unendlich langer Weg, sehr inhaltsreich und entscheidend, und doch - an der Ewigkeit gemessen - eine kurze Zeitspanne, ein Augenblick, der wie im Nu vergangen ist.
Anläßlich der Konfirmation bekommt jeder Konfirmand ein Konfirmationszeugnis. Auf jedem dieser Scheine steht ein Vers aus der Bibel, vom Pfarrer handschriftlich geschrieben. Zu meiner Freude las ich auf meinem Konfirmationszeugnis den Spruch: Ich schäme mich des Evangeliums von Christo nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben’ (Römer 1,16).

Ein schönes Wort! Aber beweisen mußte ich es, als ich ein Gotteskind geworden war. Während meiner Schulzeit erhielt ich auch Musikunterricht in einem Bläserchor. Der Unterricht war kostenlos; dafür mußten wir aber eine Verpflichtung eingehen. Zur damaligen Zeit bestand in meiner Heimatstadt eine wunderbare Sitte: Wenn ein Bürger gestorben war, mußte vom Kirchturm aus an drei Tagen mittags und bei der Beisetzung ein Choral gespielt werden, solange der Leichenzug durch die Stadt bis zum Friedhof gelangt war. Ebenso wurden sonntags nach dem Vormittagsgottesdienst in alle vier Himmelsrichtungen Choräle gespielt. Auch m Weihnachtsabend geschah dies unter Schwenken von Lämpchen am Geburtstagsfest Christi. Wenn im Sommer ein schweres Gewitter über die Stadt gezogen war, ohne Schaden anzurichten, mußten wir vom Kirchturm aus den Choral spielen: 'Nun danket alle Gott...!’ Das war schon für mich als kleiner Junge ein erhebendes Gefühl. Ich empfinde noch heute beim Nachdenken die regenfeuchte Luft des abziehenden Gewitters und die wieder scheinende Sonne.
Von 1911 bis 1919 besuchte ich die Volksschule und während der Lehrzeit als Bankkaufinann die Kaufmännische Fortbildungsschule mit gutem Erfolg. Meinen Traumberuf Lehrer betrachte ich trotz allem Geschehen als erfüllt, da ich in den künftigen Jahren - auf die ich noch zu sprechen komme - als Amtsträger ein Lehrer zur Gerechtigkeit sein durfte. Nachdem ich nun noch ein Jahr als Bankgehilfe in meiner Heimatstadt tätig war, trieb es mich in die weite Welt zwecks Veränderung und Weiterbildung. Ich suchte und fand eine Anstellung bei der Dresdner Bank in Frankfurt/M., das war 1923/24.
Nun trat etwas völlig Neues in meinen Gesichtskreis. Ich versprach meinem neu gewonnenen Freund (um es jetzt schon zu verraten, es war Bruder Otto Schleuning, der später im Priesteramt diente), mit ihm einen Gottesdienst zu besuchen. Das war also in den Jahren 1923/24. An einem Mittwochabend gingen wir zusammen in die Moltke-Allee, um einem Gottesdienst beizuwohnen. Zunächst war ich erstaunt über die große Beteiligung, hatte ich mir doch vorgestellt, eine kleine Glaubensgemeinschaft vorzufinden. Sehr verwundert nahm ich wahr, daß zu Beginn des Dienstes mein Lieblingslied Nr. 228: ‘Ich bete an die Macht der Liebe...’ gesungen wurde.
Nach eingehender Belehrung und Aufklärung wurde ich 1925 in der neuerbauten Kirche in Frankfurt-SW (Huftiagelstraße) aufgenommen. Zwischenzeitlich nahm ich auch Kenntnis von der Weinbergsarbeit im Werke Gottes. Als noch Alleinstehender, der kein großes Interesse an den Darbietungen der Welt hatte, langweilte ich mich abends oft. Als mich dann einmal ein Priester und ein Diakon besuchten, bot ich mich an, auch an der Zeugnisarbeit teilzunehmen, was natürlich gerne akzeptiert wurde. Nachdem die beiden Brüder sich verabschiedet hatten, schlug ich - ich hatte das zuvor noch nie getan – die meiner Hauswirtin gehörende Bibel auf und las im Buch Sirach, Kapitel 2: "Mein Kind, willst du Gottes Diener sein, so schicke dich zur Anfechtung.Halte fest und gedulde dich und wanke nicht, wenn man dich davonlockt. Halte dich an Gott und weiche nicht, auf daß du immer stärker werdest".
Dann kam das große Ereignis, die Wiedergeburt als Gotteskind. Am 18. April 1926 durch den damaligen Stammapostelhelfer Bischoff. Der 16. Oktober 1927 brachte ein unerwartetes Ereignis, womit ich niemals gerechnet und mich dazu nicht für fähig gehalten hätte. Der Stammapostelhelfer Bischoff besuchte die Gemeinde Frankfurt/Main-West. Anläßlich dieses Besuches fand eine Amtseinsetzung statt, wobei auch mein Name gerufen wurde. Bei den ordinierten Diakonen war auch mein Freund Friedrich Bischoff, der spätere Bezirksapostel. Am 1. April 1929 empfing ich aus derselben treuen Gotteshand das Priesteramt und wurde hauptsächlich mit der Betreuung der Gemeinde Frankfurt-Praunheim beauftragt (Bischof Vorherr war zu dieser Zeit Vorsteher dieser Gemeinde). Auch hier durfte ich unter vielen anderen eine köstlich Glaubensstärkung erfahren. Einmal durfte ich der Gemeinde erfreulicherweise bekanntgeben, daß der liebe Stammapostelhelfer seinen Besuch angekündigt habe. Am Schlüsse dieses von mir durchgeführten Gottesdienstes sprach ich noch für mich ein stilles Gebet; dabei kam mir die Begebenheit von Johannes dem Täufer in den Sinn. Dieser sprach damals die bedeutsamen Worte aus:
"Nach mir wird einer kommen, dem ich nicht wert bin, seine Schuhriemen zu lösen." Ebenso glücklich wie überrascht und erstaunt war ich, als der Stammapostelhelfer dieses Wort aus Johannes 1, Vers 27, segensreich verwandte.
Im Monat März 1931 wurde ich aufgefordert, zum Stammapostel Bischoff zu kommen. Bewegten Herzens ging ich dorthin, ungewiß und unsicher, um was es sich handeln möge. Doch zu meiner großen Freude unterbreitete mir der Stammapostel das Angebot, mich in den Dienst der Kirche einzustellen und im Bezirk Gießen unter der Hand des Bischofs Buchner zu verwenden. Ich wußte nicht, wie mir geschah; allerdings konnte ich auch nicht ahnen, was alles mit diesem Auftrag an Freude und Leid verbunden war. Bereits am 1. April 1931 trat ich meinen Dienst in Gießen an und war zunächst ein Vierteljahr im Büro des Bischofs Buchner tätig, um mich in die vielfältigen Aufgaben einzuarbeiten. Zuvor erhielt ich aber noch am 3. April 1931 in Frankfurt das Gemeindeevangelstenamt.
Inzwischen hatte ich für meine Lebensreise eine treue Gehilfin gefunden, die mir bis jetzt in Freude und Leid liebend zur Seite steht. Als ein Wunder vor unseren Augen empfingen wir aus der Hand des lieben Stammapostels am 7. Juni 1931 den Segen zur Hochzeit.
Wir durften in unserer Kirche in Grünberg - erbaut 1928 - Wohnung beziehen. Damit begann meine Tätigkeit als Vorsteher der Gemeinde Grünberg und Betreuer der oberhessischen Gemeinden (Weitershain, Homberg/Ohm, Kesselbach, Mücke, Ober-Ohmen, Groß-Felda, Lauterbach, Alsfeld und Fulda). Zur damaligen Zeit war nur ein Bruder Autobesitzer, der mich ab und zu fahren konnte. Im übrigen ging es per Fahrrad oder zu Fuß und zeitweise auch als Mitfahrer auf dem Motorrad, das dem späteren Bezirksevangelisten Frank gehörte. Letztere Fahrmöglichkeit möchte ich aber keinem Mitarbeiter empfehlen. Bei schlechtem Wetter, bei Schnee und Eis, durchnäßt und verschmutzt, vor Kälte erstarrt, wurden dann die Gottesdienste durchgeführt. Es hat sich aber immer gelohnt. Bei der Versiegelung in diesem Jahr konnten bereits 27 Seelen versiegelt werden.
Nach etwa 1l/4jähriger Tätigkeit in Grünberg trat eine für uns sehr wichtige Änderung ein. In Gießen war inzwischen eine neue Kirche - Gießen-Süd (Händelstraße 1) – erbaut worden. Bischof Buchner zog in das neue Wohnhaus Händelstraße 1, und ich wurde nach Gießen zurückversetzt, Ederstraße 13 (Gießen-Nord). Ich übernahm die beiden großen Gemeinden Gießen-Nord und Gießen-Süd als Vorsteher und den Bezirk Gießen als Bezirksvorsteher (Bezirksältester ab 1932).
Während des zweiten Weltkrieges war ich zunächst bei der Feuerschutzpolizei eingezogen und in Gent (Belgien) und Boulogne (Frankreich) stationiert. Infolge eines Fingerbruches wurde ich nach Berlin in das Staatskrankenhaus der Polizei verlegt. Da an der Fingerversteifung nichts mehr zu ändern war, war ich nur noch für die Schutzpolizei tauglich und wurde über Beeskow in der Mark nach Gießen zurückversetzt.
In einem hoch feierlichen Gottesdienst in der Festhalle in Frankfurt am 5. August 1951 erlebte ich dann die hohe Gnade, das Bischofsamt zu empfangen. Ich will nicht viel über meine Tätigkeit berichten, um nicht verkehrte Gedanken zu erwecken. Das eine darf ich aber sagen, daß ich mit Hingabe aller zur Verfügung stehenden Kräfte versucht habe, die mir selber gewordene Gnade an alle heilsverlangenden Seelen weiterzugeben, die Apostellehre lauter und rein zu verkündigen, die engste Gemeinschaft mit meinem Apostel zu pflegen und auf sein Wort zu achten.

Dass ich im Laufe der Jahre ungezählte Gottesdienste, hunderte von Beerdigungen, Konfirmationen, Trauungen, Aufnahmen, Aufklärungsdienste usw. durchfuhren durfte, brauche ich nicht zu erwähnen. Daß aber auch nicht alles eitel Sonnenschein war, ist ebenso verständlich. Der treue Gott hatte mir ja schon - wie vorlaufend berichtet - entsprechende Hinweise gegeben, nach Sirach 2: ,Alles was dir widerfährt, das leide und sei geduldig in Trübsal ...'. Daß uns unsere Tochter im 41. Lebensjahr plötzlich genommen wurde, war der schwerste Schicksalsschlag.
Wenn Unstimmigkeiten vorlagen, habe ich immer Entschuldigungen bereitgehalten und Frieden zu schaffen versucht. Das hatte dann aber zur Folge, daß gesagt wurde, ich sei zu gut, zu demütig, ich greife nicht genug durch. Ich habe mir aber ein Gedicht zu eigen gemacht und danach mein Wirken eingestellt:

Mich reut kein Spruch, den schonend ich gesprochen,
wo man den Bruder auf der Waage wog;

wenn ich gehofft, wo ihr den Stab gebrochen
und Honig fand, wo Gift ein anderer sog.
Und war zu mild mein Spruch, zu kühn mein Hoffen,
im Himmel sitzt er, der das Urteil spricht.
Auch mir bleibt nur die Gnadenpforte offen:
Es reut mich nicht!
(Karl Gerok)

Nachdem ich 19 Jahre lang das Bezirksältestenamt und 22 Jahre lang das Bischofsamt tragen und damit dienen durfte, wurde ich am 12. August 1973 durch den Bezirksapostel Rockenfelder zur Ruhe gesetzt.
Mein Leben habe ich dem Herrn geweiht, Ihm sei Ehre und Dank!
Soweit der Bericht von Bischof Seibert.

Er ist am 20. Februar 1994 nach kurzer Krankheit im 90. Lebensjahr heimgegangen. Bezirksapostel Klaus Saur hielt am Samstag dem 26. Februar die Trauerfeier in der Kirche Gießen-Süd mit dem Textwort aus Hebräer 10, 36; vor rund 700 Geschwistern, Amtsträgem und Gästen aus nah und fern. Außerdem waren viele Geschwister zur Übertragung nach Gießen-Nord und Gießen-Ost gekommen. Bischof Seibert betreute die Bezirke Gießen, Lauterbach, Marburg, Siegen, Korbach, Fulda und zeitweise Kassel. Der Bezirksapostel faßte das Wirken des Bischofs zusammen und sagte: „Seine Arbeit hatte Wirkung, denn er tat alles mit friedsamen Herzen und in der Liebe des Sohnes Gottes!“

10. März 2026
Text: Zentralarchiv
Fotos: Zentralarchiv

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